Wo ist mein Mann? +++ Where is my husband? Von/By Sandya Ekneligoda
20. Januar 2011(English below) Prageeth Ekneligodas Ehefrau Sandya Ekneligoda setzt sich seit der Entführung ihres Mannes öffentlich für ihn und alle anderen “Verschwundenen” ein. Vom 1. bis 3. Oktober 2010 nahm sie dazu auch an der Konferenz “Sri Lanka: Wie steht es um Rechtsstaatlichkeit und Demokratie?” teil, die das International Network of Sri Lankan Diaspora (INSD), die Gesellschaft für Konfliktprävention, Demokratie und Menschenrechte (GEKODEM) und der Sri Lanka Verein Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie in Bad Boll veranstaltet haben. Wir dokumentieren das Grußwort, mit dem sie die Konferenz eröffnete. +++ Since Prageeth Ekneligodas kidnapping his wife Sandya Ekneligoda is publicly engaged in defence of her husband and all the other “disappeared”. In October 2010 she therefore participated in the conference “Sri Lanka: Whats about Constitutional State and Democracy?”, besides others organised by the International Network of Srilankan Diaspora (INSD) in Bad Boll (Germany). We document the greetings, by which she opens the conference (german only). Kontakt zum INSD: mail@srilankandiaspora.comWo ist mein Mann?
Ich habe meinen Mann am 20. Januar 2010 zum letzten Mal gesehen, als er um 10 Uhr 30 morgens nach dem Frühstück das Haus verließ. Prageeth war sein ganzes Leben sozial und politisch engagiert, verließ seine Familie schon mit 17 Jahren, um sich ganz seiner politischen Arbeit widmen zu können. Seit den 1980er Jahren hat er sich für die eingesetzt, die vor ihm entführt und ermordet wurden.
2008 setzte die srilankische Regierung erstmals auch chemische Waffen gegen die TamilInnen ein. Prageeth schrieb darüber und gab seine Artikel und sein Material auch an eine dazu eingesetzte Untersuchungskommission weiter. Weil er immer wieder auf den Einsatz von Massenvernichtungswaffen hinwies, wurde er im August 2009 schon einmal entführt. Er war damals schon sehr krank, die Entführer verweigerten ihm seine dringend benötigten Medikamente, wollten ihn so brechen. Trotzdem sagte er später, dass er diese Leute nicht hassen könne.
Spätestens seit dieser ersten Entführung wurde unser Telefon abgehört und unser Haus beobachtet. Doch die Gefahr kam von einem Freund. Am Tag der Entführung verließ Prageeth sein Büro, um diesen Freund zu treffen. Vom Auto aus hat er mich ein letztes Mal angerufen, danach waren beide verschwunden. Auch der Freund ist noch immer nicht wieder aufgetaucht: Wir wissen nicht, wer er ist. Das Telefon, von dem Prageeth aus dem Auto angerufen hat, wurde laut Polizeiangaben nur für diesen einen Anruf benutzt.
Mahinda Rajapaksa hat mir meinen Mann genommen. Er ist aber nicht der einzige, der verschwunden ist. Wir können nur weiter machen, wenn wir über sein Schicksal und das aller anderen “Verschwunden” aufgeklärt werden.
Auf Sri Lanka “verschwindet” man entweder im Zusammenhang mit dem Krieg oder wegen Kritik an der Regierung. Das sind die Hauptursachen.
Wir wissen nicht, was im Norden geschieht, es gibt nur die offiziellen Berichte. Nach dem Tsunami gab es regelrecht einen Wettbewerb der Hilfsbereitschaft im Land, nach dem Krieg ist davon nichts mehr zu beobachten. Denn die Opfer des Krieges sind ja keine Verwandten… Prageeth versuchte, die Wahrheit unter die Menschen zu bringen. Auch wir müssen den Witwen und Kindern im Norden helfen, und zwar so, dass die Hilfe direkt ankommt.
Zurzeit leben über 50 JournalistInnen im Exil. Wenn man Rajapaksa kritisiert ist das, als kritisiere man Gott. Prageeth hat sich noch 2009 geweigert, das Land zu verlassen, wollte in Sri Lanka aktiv bleiben. Die Zeit sei noch nicht reif für das Exil. Die Medien schreiben, viele Journalisten würden behaupten, Probleme zu haben, nur um in den Westen gehen zu können. Sie schreiben, Prageeth verstecke sich nur, um auch ins Ausland gehen zu können.
Viele Menschen helfen mir. Meine einzige Hoffnung ist, dass Prageeth lebt. Unser zweiter Sohn war ein sehr aktives Kind, nach dem Verschwinden seines Vaters wurde er inaktiv und muss behandelt werden. Besonders die Kinder leiden unter dem Verschwindenlassen. Doch wie muss es den Kindern im Norden und Osten gehen?
Mein Leben hat sich komplett verändert. Es gibt keine konkrete Bedrohung, aber sie ist dauernd da. Ich bekomme Drohanrufe, die Polizei befragt immer wieder unsere Nachbarn. Viele Leute denken – und die Zeitungen bestärken sie darin – dass ich genügend Geld und keine Probleme habe. Doch das stimmt nicht. Ich kann nicht mehr arbeiten und reise viel. Ich muss die Behandlungskosten meines Sohnes aufbringen und mein Leben alleine meistern. Oft muss ich Geld ausleihen, um meine Rechnung bezahlen zu können. Mein Bruder unterstützt mich.
Wie viel Druck erfahren da erst die Menschen im Norden und Osten. Keine Partei spricht über sie. Ich brauche aber auch die Unterstützung der Parteien, um Prageeth zu finden, denn ich will seinen Fall ins Parlament bringen.
Ich weine nicht, sondern nehme an allen Aktivitäten und Demonstrationen gegen die Menschenrechtsverletzungen teil. Ich kann nicht schweigen. Das würde bedeuten, mich geschlagen zu geben. Die große internationale Aufmerksamkeit ist mein Schutz. Ich versuche, mich mit den Familien anderer Verschwundener zu verbinden, tamilischen, singhalesischen und muslimischen. Ich versuche, allen Verschwundenen eine Stimme zu geben.
Sandya Ekneligoda
Veröffentlicht: Januar 20th, 2011 | Autor: Redaktion | Kategorie: News | Kommentare deaktiviert